13 10 2003
Süddeutsche Zeitung
... und es hat "Swoosh" gemacht

Wie die Wiener um den weltweit ersten Nike-Platz gebracht, dafür aber ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurden.

Von Joachim Riedl

Der Karlsplatz ist ein hoffnungsloser Fall im Zentrum Wiens, Albtraum aller Städteplaner und unüberwindliches Hindernis für Fußgänger, die von den angrenzenden Bezirken in die City streben. Generationen von Verkehrsplanern haben ihn mit vielspurigen Straßenschneisen durchfurcht und die urbane Brache in ein Verkehrsdrehkreuz verwandelt. Immer kreischen irgendwo auf dem lang gestreckten Platz Baumaschinen, stets wabert eine Abgaswolke über der Stauzone. Kein schöner Platz, aber ein häufig frequentierter Umschlagsort.

Am vergangenen Freitag bremste mitten im abendlichen Stoßverkehr eine Mercedes-Limousine mit quietschenden Reifen an der Bordsteinkante einer begrünten Verkehrsinsel, die sich in das Asphaltlabyrinth bohrt. Heraus sprangen drei schwarz gekleidete Gestalten, das Gesicht hinter Schweinchen-Schlau-Masken getarnt, und stürmten einen hellerleuchteten Glascontainer, der aus dem zerzausten Gebüsch hochragt. Das Trio nahm Aufstellung, als befände es sich auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums, und verkündete den Umstehenden einen kühnen Plan.

Im Rahmen eines globalen Pilotprojekts, so verhießen die Lautsprecherstimmen, werde der Wiener Karlsplatz demnächst in Nike-Platz umbenannt werden. Dieser weltweit ersten urbanen Patronanzaktion eines multinationalen Konzerns würden bald in vielen Metropolen viele Nike-Piazzas und Nike-Boulevards folgen. In Wien, dem Pionier der Nikesierung der Welt, werde ein riesenhaftes, rotes Monument aus Stahl und Gummi errichtet werden, eine gigantische Replik des weltberühmten „Swoosh“, des Firmenlogos des Sportschuhherstellers.

In seiner Dimension von 26 Meter Länge und 18 Meter Höhe werde es, vergleichbar der Chinesischen Mauer, sogar vom Mond aus erkennbar sein und die dahinter liegende Karlskirche, ein barockes Baujuwel, mit dem der habsburgische Feldherr Prinz Eugen einst seine Siege über das türkische Imperium gefeiert hatte, in den Schatten stellen.

Eiliges Dementi Einer der drei Stadtpiraten, der die Rolle von Nike-Chef Phil Knight usurpierte, erläuterte im schönsten Multi-Englisch die simple Globalisierungslogik der Umbenennungsaktion: Bislang würden Straßen und Plätze im städtischen Raum die Namen unbekannter Politiker, toter Generäle oder längst vergessener Künstler tragen; ein Nike-Platz hingegen besitze weltweiten Wiedererkennungswert, versinnbildliche den dynamischen Geist eines Unternehmens, das global denkt, und repräsentiere das kommunale Verantwortungsbewusstsein einer kommerziellen Großmacht.

Mehr noch: Wenn die ohnehin chronisch klammen Kommunen sich aus dem öffentlichen Raum zurückzögen und ihre wichtigsten Straßen und Plätze den Giganten des Wirtschaftslebens mittels Sponsorverträgen überantworteten, brächte dies buntes Treiben, turbulente Turnschuhumzüge und glamouröse Digitalspektakel in den öden Alltag zurück, den zu inszenieren den Stadtverwaltungen sowohl das Geld wie auch die Ideen fehlten.

Von der Sinnhaftigkeit dieser Argumentation ließen sich schließlich auch eine ganze Reihe von Passanten überzeugen, die in den Tagen vor dem abendlichen Stadthappening von den Medienkünstlern für eine Publikumsbefragung vor die Kamera geholt worden waren. Denn die Aktion, vom italienischen Kollektiv 0100101110101101.org gemeinsam mit der Wiener Kulturguerilla „public netbase“ ersonnen, hatte bereits im Vorfeld viel Staub aufgewirbelt.

Einige Wochen lang war in der Informationsbox (sie stammt von Peter Haimerl und Dietmar Lupfer aus München) mit Flugblättern und auf einer Internetseite für die Umbenennung geworben worden. Fingierte Protestbriefe hatten die Granden der Stadtverwaltung und die für Straßennamen zuständige Kulturbehörde aufgeschreckt.

Eine Bürgerinitiative mobilisierte die Boulevardmedien, und die in Österreich stets präsente Angst vor dem Ausverkauf der Heimat hatte erneut einen Anlass gefunden, ihre warnende Stimme zu erheben. Schließlich sah sogar Nike sein Image gefährdet und veröffentlichte ein hochoffizielles Dementi, in dem den frechen Swoosh-Kaperern Copyright-Klagen angekündigt wurden.

Mit diebischer Freude beobachteten die Freibeuter, wie daraufhin Abgesandte des Konzerns ihre Infobox ausspähten und die Aktion fotografisch protokollierten. Sogar ein schickes, silber-rotes Turnschuhmodell hatten die Italopiraten für diesen Anlass entworfen. Das erste Paar widmeten sie dem Wiener Bürgermeister, der darin am stolzen Eröffnungstag der größten Innenstadtparty der Weltgeschichte den ersten Schritt auf den neuen Nike-Platz setzen soll.

Nur wenige Stunden, nachdem das anonyme Künstlertrio im Rauch von Nebelpatronen und Gummiabrieb wieder vom Karlsplatz abgerauscht worden war, feierte der Wiener Stadtvater hingegen die offizielle Überreichung eines anderen Symbols.

Die Weltkulturerbekommission der Unesco hatte drei Jahre lang mit den Baubebehörden der Donaustadt wegen eines geplanten Großprojekts gehadert. Erst als die Wiener den Hochhausplan am Rand der Innenstadt kappten, erteilten die Pariser Kulturwächter dem historischen City-Ensemble ihre prestigeträchtigen Weihen und der Fremdenverkehrswerbung Prädikat samt Unesco-Logo. So kleinlich wäre freilich Nike niemals gewesen.

   

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